Herr Gann, seit dem 07.10.1996 sind Sie im BTZ Rhein-Neckar als Geschäftsführer tätig. Hätten Sie damals gedacht, dass daraus einmal 30 Jahre werden?
Ich ging zunächst einmal von zwei bis drei Jahren aus, ich war 35 und damals der jüngste Geschäftsführer in der SRH und wollte mit der Zeit sehen, was noch kommt.
Was kam waren viele neue Aufgaben und Herausforderungen, daran hat sich bis heute nichts geändert, deshalb sind die 30 Jahre voll von Chancen und Möglichkeiten, die wir genutzt haben, das BTZ weiterzuentwickeln und zu einem wichtigen Baustein der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen über Baden-Württemberg hinaus zu machen.
Ich hatte das große Glück mit Dr. Alfred Meier, dem Gründer des BTZ, noch 10 Jahre zusammenarbeiten zu können. Er nahm mich unter „seine Fittiche“ und ich habe enorm viel von ihm lernen dürfen und sein Lachen war einfach immer „ansteckend“, sodass der Humor nie zu kurz kam. Außerdem hat mich seine Liebe zur Philosophie ebenso angesteckt. So waren und sind wir von Augustinus inspiriert: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“
Auch mit den folgenden Geschäftsführer-Kollegen Heiko Kilian (2006 bis 2019) und jetzt Patrick Braun war und ist die Zusammenarbeit fachlich und menschlich ein großes Plus für uns selbst und für das BTZ.
Gibt es für Sie ein persönliches Highlight aus den Anfangsjahren?
Wir hatten Ende der 90er-Jahre im Auftrag des Vorstandes die Unternehmensberatung Roland Berger im Haus und haben eine fundierte Unternehmensanalyse und strategische Ausrichtung des BTZ erstellt, die wesentlich die weiteren Entwicklungen bestimmt und vorangebracht hat. Anfang 2000 folgte ein Paradigmenwechsel bei den Leistungsträgern von stationärer zur ambulanten Versorgung. Das war unsere Chance, darauf waren wir vorbereitet und gründeten unseren ersten BTZ-Standort 2002 in Frankfurt, um die Berufliche Reha vor Ort zu den Menschen zu bringen. Das funktionierte so gut, dass wir in Folge, aufgrund der Bedarfe der Leistungsträger, weitere Standorte in mehreren Bundesländern bis heute eröffnet haben.
Weitere Highlights sind die persönlichen Kontakte und die Pflege unserer Kooperationsnetzwerke, damit man am Puls der Zeit ist. So haben wir erfolgreich neue Angebote, wie z. B. First Step oder Integration Plus „gehirnt“ und entwickelt, passgenau für die Bedarfe.
Warum ist die Arbeit des BTZ so wichtig?
Rund 33 Tage – so lange fallen Beschäftigte im Schnitt aus, wenn eine psychische Erkrankung sie aus dem Berufsleben reißt. Damit landen sie, laut DAK Psychreport 2025, auf Platz 3 der häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle in Deutschland.
Hinter jeder dieser Krankschreibungen steht ein Mensch.
Psychische Krisen entstehen selten durch einen einzigen Faktor. Sie sind meist das Zusammenspiel aus beruflichen, familiären, finanziellen und sozialen Belastungen und sie treffen Menschen quer durch alle Berufsgruppen und Lebenssituationen. Eine Diagnose allein ist nur der allererste Schritt.
In unseren neun Beruflichen Trainingszentren begleiten wir diese Menschen seit über 45 Jahren. Mit individuellen Programmen, die nicht nur fachliche, sondern auch psychosoziale Kompetenzen stärken. Sie gehen mit einem Werkzeugkoffer raus. Wir trainieren genau das, was sie brauchen, um wieder selbstständig im Erwerbsleben zu stehen. Mehr als zwei Drittel unserer Absolvent:innen kehren erfolgreich ins Berufsleben zurück.
Gab und gibt es besondere Herausforderungen, die Sie begleitet haben?
Das enorme strukturelle Wachstum des BTZ in den letzten Jahren war sicher für alle, die es mitgestaltet haben, eine große Herausforderung. Natürlich steht dabei stets die positive Zielsetzung im Vordergrund, dem großen Reha-Bedarf in unserer Gesellschaft als BTZ in ausreichenden Maß Leistungen erbringen zu können. Diesem Anspruch zu genügen, ließ einen mitunter an die Grenze des Leistbaren geraten.
Trotzdem möchte ich niemals auf all die spannenden Erfahrungen, die diese Entwicklungen zu steuern mit sich gebracht haben, verzichten wollen. Sogar die eher anstrengenden Phasen empfinde ich als positiv, denn wann sonst als in solchen Grenzsituationen lernt man sich selbst und sein Grenzen am besten kennen.
Was mir auch immer Kraft gibt, ist die Sinnhaftigkeit meiner Arbeit - Menschen zu unterstützen. Und die vielen Menschen, Kolleginnen und Kollegen, im BTZ und in der SRH-Familie, die ich im Laufe der Jahre kennen und schätzen lernte und immer noch gibt es neue wertvolle Begegnungen.
Dankbar bin ich auch dafür, dass die Vorurteile gegenüber psychischen Krankheiten in der Gesellschaft in den letzten 30 Jahren zurückgegangen sind. Und ich hoffe, dass ich ein wenig dazu beitragen konnte.
Was gibt es noch alles zu tun? Was liegt Ihnen am Herzen?
Jede Menge.
Mit dem Projekt "Fit4Future Skills" Gemeinsam digitale Teilhabe stärken. Der bedarfsorientierte Ausbau unserer bestehenden Standorte und sondieren, wo es mögliche weitere regionale Bedarfe gibt. Gemeinsam die Zukunft gestalten mit dem CORE-Prinzip als Grundlage unserer Bildungsqualität. Die KI Social Media Kampagne in Zusammenarbeit mit den BTZen des BBWS. Gezielte Weiterbildungen zur Stärkung der Kompetenzen der Mitarbeitenden im Hinblick auf KI und Digitalisierung sowie für die komplexen Bedarfe von Teilnehmenden aus dem Bereich Neurodiversität, ADHS, Autismusspektrumsstörung. KI-Qualifikationsangebote für Teilnehmende. Und zu guter Letzt: Die Vorbereitung der Jubiläumsfeiern im Jahr 2027. Nächstes Jahr dürfen wir gemeinsam 20 Jahre BTZ Mannheim und 25 Jahre BTZ Frankfurt feiern.
Sie sind gebürtiger Salzburger. Was vermissen Sie an Ihrer österreichischen Heimat am meisten –was schätzen Sie an der Metropolregion Rhein-Neckar und dem Dreiländereck?
Die Berge, die Caféhäuser (in den man auch stundenlang sitzen kann) und die Mozartkugeln vermisse ich, aber nur die Originalen der Konditorei Fürst! Die Berge kann ich nicht mitbringen, dafür ist der Odenwald, der Pfälzerwald, die Rheinebene auch sehr schön. Die Caféhäuser leider auch nicht, aber dafür gibt es viele genussreiche Orte entlang der Bergstraße und/oder in der Pfalz. Was ich mir aber immer mitnehme sind die Original Mozartkugeln und Bach Würfel aus Salzburg. Und was ich hier schätze, sind Kochkäseschnitzel mit Musik, Pfälzer Teller, den Spargel, und noch viel mehr. Ich mag die Region und die Menschen - sie sind mir ans Herz gewachsen.
